Gastbeitrag: “Leben im Flörsheimer Baugebiet Nord”

20. Juli 2016

Unser Mitglied Harald Zuber, der im Flörsheimer Baugebiet Nord lebt, hat mal seine Sicht auf die Dinge in Worte gefasst:

C-D-1961-002_RT8Es gibt viele Dinge im “Baugebiet Nord”, die ich liebe. Ich wohne seit mehr als drei Jahren hier und bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit meiner Wohnsituation. Aufgrund des Medienechos der vergangenen Tage fühle ich mich aber gezwungen, die von Einzelbetroffenen und Unbeteiligten dargestellten Geschichten zu kommentieren. Sollten Sie dazu neigen, das geschriebene Wort auch wörtlich zu interpretieren, so rate ich Ihnen vom Lesen dieses Artikels grundsätzlich ab, falls Sie es dennoch wagen sollten, dann bevorzugt unter vorheriger Einnahme von Baldrian.

Was ich so großartig finde?

Ich finde fußläufig eine ganze Reihe von großartigen Angeboten für die Freizeit

  • den Schneckenpark (im Bebauungsplan als “Christian-Georg-Schütz-Park” zu finden), den die Kinder besonders im Sommer lieben. Dort gibt es tolle Figuren, den kleinen Bachlauf, Spielgeräte und Spielkameraden.
  • den Feldweg hinter der Werner-von-Siemens-Straße, der auch noch ein “naturnahes Spielgelände” mit einem Bolzplatz bieten kann. Dort findet man auch noch häufig Mit- und Gegenspieler für die Kinder zum Kicken, Spielkameraden zum Rollerfahren und vieles mehr.
  • einen Streetballplatz an der Werner-von-Siemens-Straße, mit dahinter gelegenen Tischtennisplatten. Der Platz selbst hat einen wunderbaren Boden und ist groß genug um an einer Seite ein paar Körbe zu werfen, während die Kinder auf der anderen Seite spielen, rennen, kicken, fangen können – und dank des Zaunes kann nichts passieren. Memo von Spalding: Bälle dotzen schöner bei 7–9 PSI Luftdruck 😉
  • einen Spielplatz an der Lahnstraße und einen noch viel näheren Spielplatz an der Rudolf-Diesel-Straße.

und großartige Angebote mit engagierten Mitarbeitern für die “Dienstzeit”

  • die Paul-Maar-Schule
  • das Ilse-Kahn-Haus
  • die Villa Kunterbunt

und großartige Mitmenschen …

Ich sehe zum Beispiel öfter, das junge Menschen an den Bänken am Berg-Mammutbaum am Feldweg vorbeikommen, dort Müll von rücksichtsloseren Mitmenschen und Gassigehern vorfinden — und ihn einfach wegräumen in die Mülltonnen nebendran.
Meine Kinder finden Spielkameraden und ich als Papa finde andere Papas und Mamas, mit denen man dann dem Treiben des Nachwuchses zuschauen kann.

Was mich stört?

Da wäre das Verhalten meiner Mitmenschen

Naturnahe Spielgelände, Parks, Bolzplätze und Wege werden mindestens von Familien und Kindern als Naherholung begriffen und …

…von einigen Hundebesitzern als “Natur” wo das geliebte Tier überall hin machen darf, ohne das es der Besitzer beachten oder gar wegräumen müsste – wenn ich es beobachten darf, sind das bisher ausschließlich Vertreter der Generation 55+.

… von vielen Spaziergängern, Besuchern und Mitnutzern als begehbare Müllkippe, auf der man wo man steht, geht und sitzt überall seinen Müll hinter sich werfen kann.

… von einigen “Halbstarken” als Orte an denen man zu jeder Tag- und Nachtzeit Geräusche emittieren darf, und die freundliche Hinweise von Anwohnern nicht als sofort zu befolgende Befehle von höchster Stelle interpretieren. Wobei ich dafür ehrlichgesagt grundsätzlich Verständnis habe, und es als wesentlich belästigender empfinde, mit dem Müll anderer Menschen und ihrer Tiere konfrontiert zu werden, als mit deren Gesprächen und Musik. Wer die Jugendlichen hier als problematisch empfindet, braucht eher einen Ausflug in die Großstadt.

Die Lage auf dem Immobilienmarkt

Leider gibt es in diesem wunderbaren Gebiet und auch dem Rest des schönen Flörsheims, das von vielen weit schlechter geredet wird, als es ist – einfach kein ordentlich erhaltenes und bezahlbares Wohnhaus (ungleich Reihenhaus, denn man muß kein Hellseher sein um abzusehen, das man älter wird) zu erwerben. Seit Jahren! Was zum Teil am Casa-Programm lag, und zum Teil wohl doch daran, dass wir nicht die Einzigen sind, die diese Perle am Untermain als solche auch erkannt haben. Und leider gehen die informellen Wege des Hausverkaufs an uns vorbei.

Die Parkplatzsuche

Offensichtlich hassen Flörsheimer Stadtplaner Einfamilienhäuser und Grundstücke, die diesen Namen auchverdienen. Entsprechend finden sich hier viele schmale Reihenhäuser und Wohnbunker (Mehrfamilienhäuser mit vielen Klingelschildern). Bei den Reihenhäusern wird von der Bauplanung auf einen Parkplatz je Haus geachtet und bei den Mehrfamilienhäusern gefühlt auf 0,2 Parkplätze je Wohneinheit. Die Lebenserfahrung würde eher 1,5-2 Parkplätze je Wohneinheit und zwei Parkplätze je Reihenhaus erwarten lassen. Hier wäre es wichtig, jeden auf Straße oder Bürgersteig zur Verfügung stehenden Quadratmeter, der es hergeben würde dem ruhenden Verkehr zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich macht es die Stadt aber nicht leichter. Also zuerst in der Bebauungsplanung nicht nachgedacht, und dann mit Schildern verschlimmbessert. Warum geht es gerade noch so? Weil die arbeitende Bevölkerung die Parkplätze von Paul-Maar-Schule und Kindergarten mitnutzt und einfach vor 07:00 Uhr zur Arbeit fährt und ab 16:30 erst frühestens wieder einen Parkplatz braucht.

Und dann wäre da das Verhalten der Stadtverwaltung …

… die sich nicht für ihre Aufgabe der Schulwegsicherung interessiert. Die Paul-Maar-Schule und die Villa Kunterbunt sind beide nicht direkt mit einem Zebrastreifen (für Verwaltungsmenschen: Fußgängerüberweg) zu erreichen. Dies trifft im Wesentlichen die Adam-Opel-Straße. An jedem Morgen eines Schultages entsteht ein riesiges Verkehrsaufkommen in der Adam-Opel-Straße, besonders an der Einmündung der Kurfürstenstraße. Es setzt sich wahrscheinlich schlicht aus Anwohnern die auf dem Weg zur oder von der Arbeit und Eltern auf dem Weg zur oder von der Grundschule zusammen. Und bei dieser kleinen Blechlawine, die so immer nur zwischen 07:00 und 08:00 Uhr entsteht, sind alle anderen Eltern und Kinder, die auf dem Weg zum Kindergarten, zur Schulkinderbetreuung oder direkt zur Schule sind — gezwungen ganz besonders aufmerksam über die Straße zu gehen und zu beten, dass sie von keinem Auto übersehen werden. Diese Situation hat der Elternbeirat auch schon versucht in die Politik zu tragen, und mindestens der Stadtrat, die SPD-Fraktionsvorsitzende und das Ordnungsamt kennen die Umstände sehr genau.

Aus dem Flugzeugbau habe ich die Geschichte gehört, dass einzelne Schalter in einem Cockpit frühestens dann versetzt werden, wenn mindestens ein Pilot nachweislich ums Leben kam, weil er diesen Schalter bei Mach 2 nicht erreichen konnte. Ich habe etwas Angst, dass die Stadtverwaltung hier auf ähnliche Prinzipien setzt. Auch einige Spielplätze im Stadtgebiet lassen sich für die Kinder nicht erreichen ohne sehr genau aufzupassen, wie und wann sie die Straße überqueren können. Und was interessiert die Stadtverwaltung? Nur bei einem dauerhaften Verkehrsaufkommen von >200 Fahrzeugen / Stunde könne man aus der StVO einen Aufruf ableiten hinsichtlich eines Fußgängerüberweges zu handeln.

Mag sein, aber gesunder Menschenverstand ist meist sinnvoller als Kriterium für eine spezielle Situation als eine Verordnung, die Allgemeingültigkeit erreichen soll. Sollten Sie einen juristischen Hintergrund haben, sollte Ihnen spätestens jetzt ein Kronleuchter aufgehen. Es ist auch nicht gesagt, das ein Zebrastreifen ein Allheilmittel ist. Die Verkehrswegeplanung kennt auch noch andere Instrumente. Und ja, eine Beleuchtung dafür zu errichten, kostet unnötig Geld. Aber vielleicht findet sich irgendein Weg die Situation zu verbessern. Oder ein Fußgängerüberweg unter Ausnutzung der vorhandenen Straßenbeleuchtung. Hauptsache das Thema wird überhaupt mal professionell betrachtet.

… die gefühlt das Wegräumen des Mülls den Bürgern überlässt, die es nicht mehr sehen können, dass ihre Kinder darin spielen und toben sollen.

… die den Streetballplatz verkommen lässt. Den meisten Krach macht dort das Auftreffen des Balls auf das kaputte Brett, bevor der Ball über den schiefen Ring in das kaputte Netz fällt. Hauptsache man bleibt nicht an den kaputten Drähten des Netzes hängen und muss sich dann fragen, wie lange die letzte Tetanus Spritze her ist.

… die Beschwerden der Anwohner nicht zusammenzählen oder sich selbst vor Ort kein Bild machen kann, um zu merken, dass die Halbstarken alle oben genannten Örtlichkeiten nutzen (allein die Beschwerden aus dem Schneckenpark müssten doch lange bekannt sein). Ob man sich also Gedanken macht etwas zu ändern, hängt also anscheinend eher an der “Lobby” der Ecke des Wohngebiets als an den Ereignissen. Und offensichtlich verstehen die Anwohner des Streetballplatzes es besser auf ihre Situation aufmerksam zu machen, als Anwohner des Schneckenparks oder des Spielgeländes. Oder die Anwohner der anderen Ecken sind einfach entspannter.

Conclusio

So wie es sich liest, hat die Stadtverwaltung Geld um das Öffnen und Schließen eines Platzes mit 20.000€ / Jahr zu finanzieren und auch das Geld über das komplette Versetzen des Feldes nachzudenken — weil ein paar Anwohner die Geräusche von gelegentlichen Nutzern als störend empfinden? In der Stadt, die neben Raunheim als lauteste Stadt Deutschlands gilt? Aber sobald es um Sicherheit von Schulkindern, Ausstattung von Kindergärten und Schulkinderbetreuung geht, wird auf die Haushaltslage verwiesen? Wer setzt bitte diese Prioritäten?

So wie es sich für mich liest, haben die meisten Anwohner gar kein Problem mit dem Streetballfeld. Aber Anwohner an diesem Feld, dem Schneckenpark und dem Spielgelände haben ein Problem mit “lauten Halbstarken”.

Natürlich ist es dann das Naheliegendste das Gelände mit Stacheldraht und Minenfeldern vor Jugendlichen abzusichern, oder alles gleich zuzubauen. Ich habe noch keinen Artikel gelesen, der die Jugendlichen zu Wort kommen ließe. Man könnte doch erstmal den Dialog versuchen und herausfinden, was der Jugend fehlt. Offensichtlich scheint es ein Treffpunkt abseits der Elternhäuser zu sein.

Ich habe als Offizier in der Grundausbildung ausgewachsene, starke Männer erlebt, die mich unter Tränen anflehten sie nicht am Wochenende zu ihren Eltern zurückzuschicken, sondern Ihnen zu erlauben in der Kaserne bleiben zu dürfen. Auch aus dem Alltag meiner Freunde und ihrer Arbeit mit jungen Erwachsenen höre regelmäßig Geschichten von Jugendlichen und ihren Elternhäusern, bei denen ich nur hoffen kann, das diese jungen Leute bald die Chance bekommen dem zu entfliehen und auf eigenen Beinen zu stehen. Aber solche Einblicke bekommt man nur selten und mit großem Vertrauen gewährt, und noch viel seltener kann man wirklich helfen. Wir nehmen auf den ersten Blick nur „schlecht erzogene junge Erwachsene“ wahr, und fahren am Wochenende mal wieder zu unseren Eltern und Großeltern, weil wir es dort alle so gut hatten, das wir keinen Ort suchen mussten um abends Zeit mit Freunden zu verbringen, oder dem Elternhaus zu entfliehen.

Andernorts hörte ich davon, das es offene Grillhütten gäbe, mit jugendlichen Paten. Seitdem es diese gäbe, treffen sich die Jugendlichen an den Grillhütten, denn die haben auch ein Dach für regnerische Tage. Und da die Hütte “ihr Platz” ist, wird er auch noch saubergehalten. Und die Kommune hat noch einen Platz für Bürger ohne Garten, etc. die ohne so eine Einrichtung nicht grillen können. Nein, ich will garkeine Grillhütte vorschlagen.

Ich will deutlich machen, das alle hier an der Wirkung herumschrauben wollen und nicht an der Ursache. Es macht doch keinen Sinn den Platz dort zu entfernen und dann das Problem weiter auf den Schneckenpark oder einen anderen Ort zu verlagern. Versucht doch erstmal zu verstehen was los ist, und dann am Problem zu arbeiten, anstatt an der Auswirkung. Und hier machen Gespräche auf Augenhöhe mehr Sinn als mit erhobenem Zeigefinger. Wenn man die Situation versteht, kann man Wege zu Verbesserungen erarbeiten. Ich lese aber nur von reaktionärem Aktionismus.

Wenn das alles nicht greifen sollte, würde es als nächste Maßnahme mehr bringen, beim Ordnungsamt eine Weile eine Rufbereitschaft für Bürger einzurichten. Somit könnte man den Anwohnern ermöglichen den Ruhestörern via Ordnungsamt einen Platzverweis zu erteilen. Warum so eine Maßnahme funktioniert? Weil die Anwohner irgendwann dem Ordnungsamt so sehr auf die Nerven gehen werden, dass das Amt auch etwas zu unternehmen gedächte.

Aber stimmt, warum an der Ursache arbeiten, oder einen Schritt nach dem anderen machen, wenn man auch gleich die halbe Stadt umbauen und zehntausende Euros versenken kann.

Bis dahin bildet sich an der Adam-Opel-Straße weiter ein Teufelskreis. Was würde die Situation verbessern? Mehr Kinder, die ihren Weg in die Schule alleine gehen. Damit gäbe es weniger Autos dort in der “Rush Hour”. Aber wie will man Eltern erklären, dass sie ihre Kinder in diese Verkehrssituation schicken sollen?

Gut daran ist aber, dass man sich erstmal ein Bild vor Ort machen will, bevor es weitergeht. Immer wenn ich vor Ort bin, sehe und höre ich von den beschriebenen Jugendlichen am Streetballfeld nichts. Den Geplagten im Schneckenpark erginge es sicher ähnlich. Wichtiger wäre aber, dass sich die Politik mal an einem Schultag zwischen 07:00 und 08:00 Uhr einmal ansehen würden, wie dort die Kinder zur Paul-Maar-Schule kommen. Und vielleicht mal um 17:30/18:00 an einem Werktag einen Parkplatz dort suchen 🙂

In Baden-Württemberg gibt es das schöne Instrument der Verkehrstagefahrt. Diese findet üblicherweise einmal im Jahr statt. Dabei können je nach Ausgestaltung die Fraktionen, Elternbeiräte oder gar einfache Bürger beantragen, das sich Fachleute von der Verwaltung (z.B. Straßenverkehrsamt, Bauamt) mit Polizei und Experten oder auch Politikern vor Ort ein Bild machen – und sich dabei auch die Argumente von Anwohnern/Betroffenen anhören. Danach beurteilen diese Fachleute die Verkehrssituation und beschreiben, welche Handlungsmöglichkeiten sich für die Verkehrsgestaltung dort ergeben würden. Darüber kann die Politik dann befinden. Ein solches Instrument wäre sicher auch eine Bereicherung für Flörsheim.

Harald Zuber

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