Die CDU-GALF-Koalition in Flörsheim hat ihre Mehrheit verloren. Bürgermeister Bernd Blisch (CDU) sagt im Interview mit Adrian Kaske, was er von einer Koalition mit dfb hält und blickt auf die Zukunft der Stadt.

Herr Blisch, die CDU hat Prozentpunkte eingebüßt. Haben Sie das als Dämpfer empfunden?

Na ja, natürlich. In den letzten Wochen hat man gemerkt, dass dfb stark wurde. Auf der Liste standen auch Namen, die in der Stadtgesellschaft bekannt sind. Es war damit zu rechnen, dass da vielleicht ein bisschen was passiert. Es war auch nicht wirklich „Rückenwind aus Berlin“ spürbar. Es mag die Erhöhung der Grundsteuer eine Rolle gespielt haben. Und das Mainufer. Dabei verkennen viele, dass Investitionen, wie die fürs Mainufer, bei der Genehmigungsfähigkeit des Haushalts kaum eine Rolle spielen. Entsprechend hat das auch wenig mit der Grundsteuer-Erhöhung zu tun. Trotzdem nutzen einige das Projekt, um zu polarisieren.

Bei der Krimling geht es vielleicht in etwa zwei Jahren los. Bernd Blisch

Wäre es eine Perspektive für die CDU-Fraktion, mit dfb zu koalieren?

Der Bürgermeister ist da der falsche Ansprechpartner. Das machen die Fraktionen und Parteien unter sich aus. Aber wenn dfb immer in der Oppositionsrolle bleibt, dann können sie ja immer weiter kräftig fordern: Grundsteuer nur auf 600 Prozent und so weiter. Aber wenn man sie einmal in die Verantwortung nehmen würde, würde das vielleicht anders aussehen.

Tobias Luger (dfb) hat gesagt, dass er schnell mehr Gewerbe realisieren wollen würde. Wie realistisch ist das?

So etwas sagt man in der Opposition, wenn man keine Verantwortung trägt. Wir haben ein Gewerbegebiet. Und das ist einfach nicht zu vergleichen mit den Möglichkeiten, die etwa Hattersheim hat. Da wird dann schnell gesagt: „Hattersheim hat fünf Rechenzentren.“ Aber Hattersheim hatte eben auch Konversionsflächen, die von Firmen aufgegeben wurden. Die galten weiter als Gewerbeflächen, wo man sofort etwas bauen konnte – zum Beispiel Rechenzentren. Wir haben hier durch den Flughafen unsere Siedlungsbegrenzung. Das beschränkt uns, auch bei den Gewerbegebieten. Das verbliebene Gewerbegebiet, das wir noch haben, wird aktuell entwickelt. Dass das dauert, ist in Deutschland nun einmal so. Hier muss jedes Rebhuhn und Moos berücksichtigt werden. Am Stammtisch ist es einfacher zu sagen: „Da muss jetzt einfach mal etwas Gescheites her.“ Wenn man aber in diesem Prozess ist, merkt man, dass es nicht ganz so einfach ist.

Und abseits der Kernstadt ist kein Platz für Gewerbe? Im Wahlkampf hieß es, Flörsheim habe zu wenige Flächen im Regionalen Flächennutzungsplan (FNP) angemeldet.

Das kann ich so nicht bestätigen. Beim FNP sind Flächen angemeldet worden. Aber auch hier gibt es Hürden. In Weilbach etwa gibt es Flächen, die ausgekiest werden können. Hier gibt es ein Vorrangrecht für den Bergbau. Da kann man leider nicht so einfach Gewerbeflächen ausweisen. Wenn man Richtung Weilbach rausfährt, haben wir rechter Hand Flächen angemeldet. Aber selbst, wenn die kommen, würde ich diese Flächen im Augenblick nicht so entwickeln wollen, dass schon morgen etwas draufsteht. Denn das würde bedeuten, dass es in Weilbach noch mehr Verkehr gibt, solange die Umgehungsstraße nicht gebaut ist. Wenn das geschafft ist, könnte sich dort am Rande von Flörsheim Gewerbe ansiedeln.

Wenn Sie auf das neue Gewerbegebiet West V.2 schauen, könnten Sie eine seriöse Schätzung abgeben, wie viel das dem Stadthaushalt bringt?

Nein. Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind nicht so zuverlässig, wie manch einer meint. Was passiert, wenn ein größeres Unternehmen von außerhalb ein kleines aus Flörsheim übernimmt? Die Produktion bleibt vielleicht vor Ort, aber die Gewerbesteuer wird fortan woanders gezahlt. Auch wenn man ein erfolgreiches Unternehmen ansiedelt, bedeutet das nicht automatisch einen Geldsegen. Die Investitionen, die der Unternehmer durchs Bauen investiert, kann er abschreiben. Da zahlt er die ersten Jahre sicher sehr wenig Steuern.

Und mehr Flächen für Wohnungsbau? Das forderte Philipp Moritz (SPD). Svenja Colak (CDU) hingegen meinte: Kein Raketentempo, das ist gewollt.

Dass ich da näher bei Svenja Colak bin, ist kein Geheimnis. Aber wie sich eine Stadt entwickelt, das darf die Politik festlegen. Bisher gibt es hier keine Mehrheiten, die sagen, wir möchten Flörsheim umwandeln in Schwalbach, Limesstadt oder so etwas. Bisher war rasantes Tempo nicht gewünscht. Und ich finde es ein bisschen unehrlich, wenn Vertreter der SPD sagen: Es gibt viel zu wenige Sozialwohnungen, da müsste mehr gebaut werden. In den zwölf Jahren von Bürgermeister Antenbrink ist praktisch keine Sozialwohnung gebaut worden, auch nicht von der Terra. Das, was er eröffnet hat, war noch unter den Vorgängern geplant worden. Und dann ist da jahrelang nichts passiert. Umgekehrt sind die Sozialwohnungen, die wir hatten, auf den freien Markt gekommen. Da wurden in den Jahren 2014 bis 2017 Sozialbindungen zurückgekauft von 108 Wohnungen, die heute alle noch Sozialwohnungen sein könnten. Aber immerhin: Mittlerweile passiert etwas. Aktuell sind in der Riedstraße zwölf Wohnungen kurz vor der Fertigstellung. Bei sechs weiteren Wohnungen in der Eddersheimer Straße warten wir noch auf Zusagen von Land und Banken, dann kann es auch hier losgehen. Das ist schon was. Es ist nicht das Tempo eines Eschborns, Raunheims oder Rüsselsheims. Aber das ist ein Tempo, das in Flörsheim bisher politisch gewollt ist.

Wird es dabei bleiben?

Das kann ich nicht sagen. Aber schauen Sie sich an, wie hoch die AfD-Zustimmungswerte bei der Kreistagswahl in dem relativ neuen Wohngebiet Nord 1-5 sind. Wenn ich sehe, was es an Zeit und Kraft kostet, allein so ein Gebiet wie dieses gesellschaftlich zusammenzuführen und zu einer Stadt zu machen, dann möchte ich mir kaum vorstellen, was es heißen würde, jetzt irgendwo noch eine Trabantenstadt zu haben oder drei Wolkenkratzer wie in Hochheim.

Aber der Preis für das langsame Tempo ist, dass die Menschen in Flörsheim jetzt mehr Grundsteuer zahlen, oder?

Na ja, ich glaube nicht, dass, wenn Flörsheim 1000 Einwohner mehr hätte, alle Finanzprobleme der Stadt gelöst wären. Und es ist natürlich so: Wenn ich jetzt ein Einfamilienhaus in der Gallusstraße habe mit 800 Quadratmetern Grund drum herum, dann bedeutet das auch eine hohe Wohn- und Lebensqualität im Vergleich zu anderen Städten. Und dann muss man auch fragen dürfen: „Was ist Euch das wert?“

Wie war denn die Rückmeldung der Bürger auf das Grundsteuer-Plus?

Tatsächlich gab es zwei, drei, die sagten: „Ach wissen Sie, nach der Grundsteuerreform im vergangenen Jahr mussten wir sogar weniger zahlen als vorher.“ Dass das so auf Dauer nicht laufen könnte, fanden sie auch selbst. Dann gab es natürlich ein paar andere. Da gehört mein Vater dazu. Er wohnt in einem Haus, das haben schon seine Großeltern gebaut, 1905 war das. Da wurde jahrzehntelang nichts angepasst, er und seine Eltern haben wenig Grundsteuer gezahlt. Mit der Reform im vergangenen Jahr musste er schon mehr zahlen. Jetzt kommt noch einmal etwas obendrauf. Das hat ihm nicht unbedingt gefallen. Aber ich habe ihm gesagt: „Vater, überleg mal, Du und Deine Eltern haben über Jahrzehnte viel zu wenig gezahlt. Weil Du halt das Glück hattest, dass das Haus nie verkauft worden ist.“ Das habe ich den Menschen, die mich auf das Thema angesprochen haben, erzählt. Und sie haben es, wie mein Vater auch, nachvollziehen können.

Welche Veränderungen kommen in den nächsten Jahren auf Flörsheim zu?

Was das Bauen angeht: In der Kernstadt können wir nur verdichten und gar keine Baugebiete mehr ausweisen. Wegen des Fluglärms. Für Wicker und Weilbach gibt es jeweils noch einmal die Möglichkeit, sich zu erweitern. In Wicker soll das nach und nach gemacht werden – es ist eine Fläche, die noch mal so groß ist wie das halbe Dorf.

Können Sie da einen Zeitplan nennen?

Als Erstes steht die Krimling in Weilbach an, da sind wir dran. Vielleicht geht es hier in etwa zwei Jahren los. Bisher gab es in der Stadtverordnetenversammlung dazu sehr kontroverse Einstellungen. Die GALF will genug Grünflächen und viele autofreie Zonen. Eine SPD ist tendenziell dafür, zu verdichten. Hier muss sich jetzt eine Mehrheit finden.

Was steht noch an?

Es ist nichts, was unmittelbar ansteht. Aber das Thema Wärmeplanung wird kommen. In Flörsheim liegt bisher kein Fernwärmenetz in den Straßen. Und es gibt viele Einfamilienhäuser mit ein paar Hundert Quadratmetern Grundstück drum herum. Das bedeutet: Vielen Haushalten würde ein Wärmeplaner eine Wärmepumpe empfehlen. Gleichwohl gibt es aber auch überall Altstadtkerne mit Fachwerkhäusern und engen Bebauungen, wo man nicht einfach sagen kann, dass man hier Photovoltaik und eine Wärmepumpe installiert. Das ist sicher eine Herausforderung für die nächsten Jahre. Aber es gibt noch mehr Dinge, die anstehen.

Nämlich?

Das Thema Hochwasser und Starkregen. Vor drei Jahren etwa gab es den heftigen Starkregen. Die Feuerwehr hatte in einer Nacht 300 Einsätze. Wicker auf dem Berg war genauso betroffen wie Häuser in der Altstadt. Ich denke, da sind wir jetzt gut gerüstet. Aber seit der Katastrophe im Ahrtal muss man sich auch über diese Dinge Gedanken machen. Und zum Hochwasser: Unser Maindeich hält ein 50-jähriges Hochwasser aus. Planer gehen aber mittlerweile davon aus, dass so ein Deich ein 200-jähriges Hochwasser aushalten muss. Deswegen ist es gut, dass der Maindeich erneuert wird. Allerdings braucht es dafür Förderprogramme – ich hoffe, dass wir die weiterhin bekommen.

Können Sie das konkretisieren?

Es wird ein neuer Deich aufgebaut. In Teilen wird der bestehende verstärkt und ertüchtigt. Und in Richtung Eddersheim wird es Retentionsflächen geben. Der Damm dort wird mit Toren versehen, so dass viel Wasser auf die Felder vor der Autobahn fließen könnte.

Was ist Ihnen noch wichtig für die Zukunft der Stadt?

Für mich als Bürgermeister ist die Frage wichtig, wie man die Stadtgesellschaft zusammenhalten kann. Ich will nicht, dass sie in viele kleine Partikularinteressen und anonyme Facebook-Gruppen zerfällt.

Was sind Ihre Ideen?

Reden, reden, reden – vor allem miteinander. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, dass sich diese Stadtgesellschaft begegnen kann. Das muss nicht immer nur das Volksfest sein, denken Sie an den Lebenslauf vor dem Verlobten Tag oder den Charity-Walk, den die Ahmadija-Gemeinde in der Altstadt veranstaltet – verbunden mit einer Spende an die Flörsheimer Bürgerstiftung. Und ich werde auch nicht aufhören, an den Schulen präsent zu sein. Aber auch Eltern und junge Familien wollen wir erreichen – zum Beispiel mit Afterwork-Angeboten, den Angeboten des Mehrgenerationentreffs oder dem Weinstand. Ich merke schon, da sind dann auf einmal Menschen aus einem neueren Baugebiet dabei, die beim Konzert des Gesangvereins nicht dabei wären. Das sind alles nur klitzekleine Ansätze, aber zusammen ergeben die Puzzle-Stücke ein Gesamtwerk.

Haben Sie, was diesen Bereich angeht, noch andere Ideen oder bleiben Sie bei Ihren Konzepten?

Na ja, in diesem Bereich habe ich, glaube ich, nicht so viel falsch gemacht.

Quelle: Höchster Kreisblatt vom Samstag, dem 29. März 2026. Interview geführt von ADRIAN KASKE


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