Cicero über Heinz Riesenhuber: Ein Bayer aus Hessen

19. Juli 2011

Wenn Heinz Riesenhuber seine Besucher aus dem Wahlkreis begrüßt, fühlt sich der Zuschauer wie bei einer Stippvisite im Auenland der Hobbits oder bei einer Wahlkampfveranstaltung der CSU. Dabei ist Riesenhuber weder klein und haarig, noch ist er Mitglied der CSU, geschweige denn lebt er in Bayern.

Es ist ein bisschen wie bei einem Familienfest der Hobbits. Heinz Riesenhuber ruft laut in den Saal: Flörsheim? Hofheim? Steinbach? Und sie johlen auf, die Bundestags-Besucher aus Flörsheim, Hofheim, Steinbach und all den anderen Dörfern aus dem Wahlkreis im hessischen Main-Taunus. Von dort haben sie sich ins ferne Berlin aufgemacht haben, um ihren Abgeordneten Heinz Riesenhuber zu treffen.

Wenn der mit seinen Besuchern alleine ist, ahnt der Zuschauer plötzlich, wie sich CSU-Wahlkampf in einem bayrischen Bierzelt anfühlt. Dabei ist Riesenhuber heute eigentlich kein richtiger Bayer mehr. Seinen Akzent hat sich der Sohn einer Münchnerin und einem Niederbayer in seiner Schulzeit am Tegernsee antrainiert. Dann aber zog es ihn nach Hessen. Riesenhuber ist auch kein Mitglied der CSU. Der Mann mit den riesigen Ohren, dem schneeweißen Hemd und der großen Fliege ist bei der CDU und das schon so lange, dass er es mit seinen 75 Jahren zum Alterspräsidenten des Deutschen Bundestages gebracht hat. Sein höchstes Amt hatte Riesenhuber von 1982 bis 1993 inne – als Bundesminister für Forschung und Technologie.

Als Helmut Kohl, Kanzler in Spe, ihn damals fragte, habe Riesenhuber „zwei Ressorts im Kopf gehabt: Wirtschaft und Forschung.“ Ersteres war wie auch heute fest in FDP-Hand, so dass für Riesenhuber die Forschung blieb. Denn der hatte als junger Bundestagsabgeordneter 1978 das erste Energieprogramm für die CDU geschrieben – „noch bevor die Grünen im Bundestag waren“, schmunzelt er heute.

Schon Jahre vor seiner politischen Karriere hatte der Vater von vier Kindern als promovierter Chemiker und Unternehmens-Geschäftsführer ein arbeitsintensives Leben geführt. Als er dann Bundesminister wurde, war der älteste Sohn der Riesenhubers – seine Frau Beatrix arbeitete bis zum zweiten Kind als Richterin – zwölf Jahre alt, der jüngste fünf. Dazwischen kamen die beiden Mädchen. „Das hat mir schon a bisserl Leid ‘tan“, sagt er heute über die viele Zeit, die er in Ausschüssen und Sitzungen verbrachte, anstatt bei seiner Familie zu sein. Heute sind Max, Eva, Kathi und Felix erfolgreich – etwa als Professor in den USA, Anwältin oder Berater bei Boston Consulting. Wie er das nebenher noch hinbekommen hat? „Der Verdienst meiner Frau“, antwortet Riesenhuber.

Als Forschungs- und Technologieminister unter Helmut Kohl musste er sich 1986 mit den Folgen von Tschernobyl auseinandersetzen. Damals folgte er seinem Kanzler in der Energiefrage. Helmut Kohl hatte aus Tokio die Parole ausgegeben: „Nicht wackeln.“ Dem Spiegel sagte Riesenhuber ein paar Wochen nach der Katastrophe zur Frage nach den richtigen Schlüssen aus der Katastrophe: „Die erste Frage muss lauten: Was ist richtig? Erst dann kann die zweite Frage gestellt werden: Was ist taktisch richtig?“

Diesem Konzept ist die unionsgeführte Regierung 2011, im Jahr der Energiewende und Fukushima, aus Sicht vieler CDU-Anhänger nicht gefolgt. Dass eine Menge Entscheidungen heute an der Basis der Partei vorbeigehen, monieren auch die Besucher aus Riesenhubers Wahlkreis 181. Sie sind gut aufgelegt und diskutierfreudig. Es dauert nicht lange, da werden die ersten kritischen Fragen gestellt.

Riesenhuber hat sein Jackett gleich zu Beginn über einen Stuhl des Besucherraumes gehängt, was ihm aufmunterndes Raunen der etwa 70 CDUler auf Betriebsausflug eingebracht hat. Ein weißhaariger Herr eröffnet: „Man hat manchmal den Eindruck, dass die Frau Merkel und die Regierung entscheiden und das Parlament erst anschließend informiert wird.“

„Eine der unangenehmsten Fragen“ sei das, so Riesenhuber mit gemütlich rollendem R und hat die Lacher auf seiner Seite. In den vergangenen Wochen habe die Regierung einen „ungeheuren Zeit- und Arbeitsdruck“ aushalten müssen: „Da sind zum einen Griechenland und der Euro, zum anderen die Energiepolitik.“

Die schwarz-gelbe Energiewende ist dem Politsaurier sichtlich schwer gefallen. Schaut man sich den gedanklichen Sprung an, den Riesenhuber im Schleppseil seiner Partei vollführen musste, kann es nicht anders sein: Mit Blick auf den Treibhauseffekt hatte sich Riesenhuber noch 1991 für den Bau neuer Kernkraftwerke ausgesprochen. Heute vollzieht auch er die Kehrtwende. Immer wieder mahnte der Energiepolitiker zwar in Interviews an, die Entscheidung über die Kernenergie während des dreimonatigen Moratoriums nicht übers Knie zu brechen. Am Ende aber stand unausweichlich der Atomausstieg. Und mit ihm auch Heinz Riesenhuber.

Bei dieser Art, schnelle Politik zu betreiben, ist ihm noch immer unwohl. Damals, in Riesenhubers Forschungsministerium in den achtziger und neunziger Jahren, wurden wichtige Entscheidungen mit der ganzen Leiter besprochen: “Vom Referatsmitarbeiter bis zum Staatssekretär haben alle mitdiskutiert”, erzählt er heute leicht wehmütig. Aber seiner Kanzlerin fällt der loyale Christdemokrat heute selbstverständlich nicht in den Rücken. Stattdessen versteht er es, Konflikte in seiner Partei mit Herzlichkeit zu überspielen.

Denn es ist dies nicht das einzige Thema, das Riesenhubers Berlinbesucher und sicherlich auch ihn selbst umtreibt: Warum soll es gerade jetzt Steuersenkungen geben, will eine junge Frau wissen. Und dann zeigt Riesenhuber, wie ein echter Politprofi seine Schäfchen zähmt: „Wir haben einen Koalitionspartner, der in einer metaphysisch schwierigen Position ist.“ Zustimmendes Gelächter im Saal. „Die Umfragen sind nicht ganz so gut wie bei der Wahl, geringfügig niedriger als die einst erreichten 15 Prozent.“ Und dann erklärt der Wahlhesse in seinem beruhigend-bayrischen Bass, wie schwierig das Regieren ohne fehlende Mehrheit im Bundesrat und mit einem schwachen Partner ist. So also kam es, erzählt Märchenonkel Riesenhuber, dass sich die Regierungsspitzen Merkel, Rösler und Seehofer – „durchaus verschiedene Persönlichkeiten“, grinst er – eines Tages trafen und zu folgender Grundsatzentscheidung kamen: „Jawohl, wir wollen senken.“

Und spätestens jetzt hat er die Zuhörer auf seine Seite geholt, der charmante Riesenhuber. Und sich selber, so scheint es, hat er gleich mitüberzeugt. Davon, dass die Alltagspolitik ein schwieriges Pflaster ist. Aber dass es immer wieder bergauf geht. Denn das hat Riesenhubers Erfahrung gezeigt: Lange Jahre hat er den Berliner Politikbetrieb beobachtet, geprägt und sich prägen lassen. Er hat Helmut Kohl während miesester Umfragewerte zur Seite gestanden. Vor 40 Jahren begrüßte er als Vorsitzender der Jungen Union Neuzugänge aus den bürgerlichen Ecken der Gesellschaft in der CDU. Heute bleiben die Neuzugänge aus und auch die typischen CDU-Milieus „sind nicht mehr da.“ Politik sei jetzt „pragmatischer und handwerklicher“, es ginge mehr um „die Details der einzelnen Gesetzestexte“ als um grundsätzliche Auseinandersetzungen, resümiert Riesenhuber und fügt hinzu: „Zumindest stellt sich das in der Erinnerung so dar.“

Die Besucher aus dem Main-Taunus werden nach einem Gruppenbild auf der Bundestagstreppe entlassen. Mit der Hoffnung, dass sich ihre CDU aus dem Glaubwürdigkeits-Sumpf herauskämpfen wird. Mit einem wie Riesenhuber können sie sich das vorstellen. Über ihn heißt es, er frage Unternehmer hin und wieder, wann sie „ihren Abgeordneten zum letzten Mal geknuddelt“ haben. Wahrlich, die meisten seiner Zuhörer wirken jetzt, als hätten sie genau das vor.

Quelle: Cicero.de, Berliner Republik

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